Wissenswertes aus der Geschichte der deutschen Kolonie Owzyno im                   St. Petersburger Gebiet

 

 

 

 

 

Dorfeingang Owzyno 

 Abb.: Ortseingangsschild nach Owzyno (Foto Google Streetview)

 

Die deutsche Kolonie Owzyno lag etwa 15 km im SO von St. Petersburg am rechten Ufer der Neva.

 

Die erste Erwähnung der Ansiedlung wurde in 1701 gefunden. Zu dieser Zeit war Owzyno eine finnische Siedlung mit Namen Wallitula. Erwähnt wird in der Literatur, dass es dort einen „Wallitula Krog“ gab. Finnische Nachnamen in diesem Dorf waren: Langine, Oloin, Kuikin, Saukinen, Ovaskainen, Kuosa, Hynnin, Kuisma, Waldoin, Olene, Paapanen.

 

 Walitulla Abb. Finnische Siedlung Wallitula, Karte von 1776

 

Das grundlegende Ziel der Einladung ausländischer Kolonisten nach Russland lag in der Besiedlung und Nutzbarmachung der neuen Gebiete, die zwischen dem 16. Und 18. Jahrhundert in den Besitz Russland gekommen waren. Zu ihnen gehörte auch das Gebiet des Gouvernements von Sankt - Petersburg (die ehemalige schwedische Provinz Ingermanland), welche Schweden im Nordischen Krieg von Russland (1700-1721) abgekämpft worden war.

 

Die Gründung der deutschen Kolonie Owzyno, Schreibweise auch Owcino, Offzino, Owzyno oder Offzyno bei St. Petersburg begann im Jahre 1822.

Die Gründerfamilien von Owzyno kamen aus den Alt-Kolonien Neu – Saratowka (auf der rechten Seite etwas stromabwärts von Owzyno am Ufer der Neva gelegen) sowie aus der Kolonie Srednja Rogatka (auf der linken Seite der Neva).

Der Bau der ersten deutschen Kolonien begann auf Erlass der russischen Kaiserin Katharina im Sommer 1765. In der Zeit von 1765-1766 entstanden in der Umgebung der Hauptstadt drei deutsche Kolonien:

 

                         Neu – Saratowka (auf staatseigenem Gebiet)

                         Srednja Rogatka

                         Kolpino/Ischora  (im Gebiet von Carskoe Selo)

 

Die Bevölkerung dieser 3 Kolonien bestand aus 110 Familien, die nach Untersuchungen einiger Autoren aus Brandenburg, Württemberg, Schwaben und Hessen-Darmstadt stammten und sich auf freiwilliger Basis von den übrigen Kolonisten im Siedlungslager Oranienbaum (dem heutigen Lomonossov) aussondern ließen.

Die Nachfahren der Kolonisten-Familien Ickert und Herrlemann, heute noch lebend, sind im Besitz einer Grundstücksurkunde aus dem Jahre 1838, in der vermerkt ist, dass die Neu-Saratowkaer Kolonisten, die Besitzer des 3. Grundstückes, Jacob und Friedrich Herrlemann, Christian Ickert, Friedrich Scheff, Christian Graule und Andreas Ehrhardt das Einmessen und die Genehmigung des Grenzbuches am 4.5.1838 mit Unterschrift bestätigten.

Auf der Urkunde ist weiterhin vermerkt, dass die Besitzer des 2. Grundstückes, Kolonisten aus Srednja Rogatka, als Zeugen der amtlichen Vermessung und Genehmigung zugegen waren, nämlich Mathäus Lohrer, Johann und Peter Eidemüller, Christian Lewerenz und Georg und Peter Dege.

Weiterhin ist vermerkt, dass die Vermessung schon im Jahre 1822 vom Landvermesser Ivanov vorgenommen wurde.

Insgesamt umfassen die ausgewiesenen und im einzelnen beschriebenen Grundstücksteile eine Nutzfläche von 96 Desjatinen und 658 Quadrat Saschen. Die Beschaffenheit dieser Grundstücksteile sind genau beschrieben.

Da gem. Kolonistenvertrag die Höfe unteilbar waren, erbte im Raum St. Petersburg meist der älteste Sohn, so wanderten viele Söhne in die Stadt ab oder gründeten Tochterkolonien.

Mit der Möglichkeit Land zu erwerben und der Vererbungsproblematik aus dem Wege zu gehen kauften einige Kolonistenfamilien aus Neu-Sartowka und Srednja Rogatka Land in Owzyno, welches von der Besitzerin von Owzyno, Frau Frjazina, geb. Choglokova angeboten wurde. Mit der Zeit verschwand das finnische Dorf Owzyno und wurde durch eine deutsche Siedlung ersetzt, die den alten Dorfnamen jedoch beibehielt.

 Aus der Kolonie Neu-Saratowka zogen weitere Kolonisten nach Owzyno, (in den Klammern die Jahreszahlen laut Kirchenbuch Neu – Saratowka):

- Johan Jacob Herrleman (1840, 1843)

 - Johan Friedrich Herrleman (1835, 1839, 1840, 1843, 1848, 1850)

 - Johan Friedrich Ickert (1835, 1839, 1841, 1843, 1848, 1850)

 - Johan Friedrich Scheff (1840, 1844, 1848)

 - Christoph Christian Graule (1840, 1843, 1844, 1846, 1849)

 - Andreas Erhardt

 

Aus der Kolonie Sredne Rogatka zogen nach Owzyno:

- Mathias Lohrer - -

 - Peter Eidemüller (1839, 1844, 1850)

 - Johan Eidemüller - -

 - Johan Christoph Lewerenz (1840, 1844, 1846, 1849)

 - Johan Georg Dege (1841, 1850)

 - Peter Dege (183, 1841, 1844, 1848)

 

Nachfolgende Kolonisten kamen nach 1838 in die Kolonie Owzyno:

 

- Christian Wilhelm Bitsch (1841, 1843, 1848, 1850)

- Georg Karl Bitsch (1843, 1844, 1849)

- Gottlieb Bitsch (1843, 1850)

- Philipp Lohrer (1844, 1846, 1849, 1850)

- Johan Adam Bräuner (1844, 1850)

- Gottlieb Сasimir Erhardt (1846, 1849)

- Christian Lohrer (1849)

- Johan Jacob Dahlinger (1849)

 

Häufig genannte deutsche Kolonisten-Namen in Owzyno waren:

 

Bauer, Bitsch, Braun, Bräuner, Bühler, Craubner, Dahlinger, Dege, E(h)rhart, Eidemüller, Fink, Fleischmann, Graule, Hammerschmidt, Herrlemann, Ickert, Kern, Lewerenz, Lohrer, Pragst (Lehrer in Owzyno), Reich, Roh, Stroh, Schäfer, Scheff, Stern und Vogelgesang.

Finnische Familiennamen, die nachträglich erinnert wurden, waren Langin, Oloin und Makkonen.

 

 

Die Konfession der deutschen Kolonisten war evangelisch. Die Gemeinde selbst gehörte zum Kirchspiel Neu - Saratowka.

1840 gab es in Owzyno 7 deutsche Kolonisten-Häuser mit 31 Personen, 1849 wohnten dort dauerhaft 17 deutsche Kolonisten - Familien mit 112 Personen, 1852 bis 1858 Familien waren es schon 98 Häuser, im Jahre 1904 schon 500 Personen und im Jahr 1926 waren es 684 Personen.

 

Die ersten Geburten deutscher Kolonisten in Owzyno sind nachweislich die der Familie Herrlemann im Aug. 1835 sowie die der Familie Ickert im Sept. 1835, siehe hierzu auch die Webseite: http://deutsche-kolonien-spb.com/index.php/de/kolonien/Tochter Kolonien/Owzyno

 

Geburtseintragung Herrlemann

Abb.: Geburtseintragung eines Herrlemann Kindes im ev. Kirchenbuch von 1835

 

 

Geburtseintragung Ickert

Abb.: Geburtseintragung eines Ickert Kindes im ev. Kirchenbuch von 1835

 

Markantes Wahrzeichen in Owzyno war der Wasserturm der Ziegelei sowie die Datscha „Samarka“ der Familie v. Rennenkampff, deren Güter von 1874 bis 1918 links und rechts der Neva zwischen St. Petersburg und dem Ladoga See lagen.

Gem. den Aufzeichnungen der Kolonisten-Nachfahren Fink und Ickert war Owzyno geografisch von Neu-Saratowka durch das Gut der russischen Landbesitzer Senowiev getrennt, sowie dem Gut des Landbesitzers Rost. Dann folgte nach Osten hin entlang der Neva aufwärts, das sogenannte mundartliche "unnere Eck(untere Eck) " von Owzyno. Hier wohnten meist deutsche Kolonisten / Ansiedler und einige Finnen.

In diesem Ansiedlungsbereich wohnten auch die Kolonistenfamilien Ickert, Fink, Vogelgesang, Reich, Dahlinger und Bräuner. Ebenfalls wohnten hier die zwei Brüder des Friedrich Ickert, nämlich Adam (geb. 1902) mit 1 Sohn und 2 Töchtern und Georg Ickert. Weiterhin wohnte dort auch ein Jacob Ickert, der aus einem anderen Familienzweig stammen sollte und nicht direkt mit den o.a. verwandt sein sollte.

Weiter nach Osten entlang der Neva aufwärts folgte das Gut des Landbesitzers Strehling. Entlang der Straße des Gutes lag auch die Dorfschule, die von 1900 bis 1929 von den Schülern des Dorfes besucht wurde. Im Jahre 1904 gab es dort 55 Schüler.

Nach dem "unteren Eck" folgte das "mittlere Eck", mit der lutherischen Kirche und dem Haus des Kantors, den Häusern weiterer deutschen Kolonisten, dem Feuerwehrhaus, einem kleinen Kramladen und den Häusern von 10 finnischen Familien.

Im "mittleren Eck" wohnte Christian Herrlemann, der Vater von Sophie Ickert, sowie Adam und Charlotte Ickert (geb. Fink).

 

An das "mittlere Eck" schloss sich Neva aufwärts das "obere Eck" an, mit weiteren deutschen Ansiedlern, der "polnischen Anstalt", in der verwaiste polnische Kinder wohnten. Warum und woher diese Kinder kamen wurde nicht mehr erinnert.

 

Von der Ausdehnung her erstreckte sich das Dorf Owzyno über eine Entfernung von ca. 4.5 km entlang der rechten Seite der Neva.

  

 Ausdehnung des Dorfes Owzyno 1909

 Abb.: Ausdehnung des Dorfes Owzyno im Jahre 1909 (Kartenquelle: unbekannt)

 

Eine unbefestigte Strasse trennte die Häuser und das angrenzende Land von der Neva, die mehrere Meter tiefer floss. Diese Strasse, heute  "Ovtsinskaya ulica" genannt, besteht heute noch.

 

Newa Bschung 

 Abb.: Blick auf die Neva-Böschung bei Owzyno (Foto: E. & F. Karner)

 

Viele der Häuser lagen entlang der Strasse, welche an der westlichen Seite des Dorfes nach Neu-Saratowka führte.

Zwischen den Häusern und der Strasse bestand ein Gehweg aus Holzbohlen und aufgenagelten Brettern ca. 1,2 m breit, siehe nachfolgendes, beispielhaftes Foto aus Kansk/Sibirien..

 

 Hlzerner Gehweg

 Abb. Hölzerner Gehweg, hier in Kansk/Sibirien (Aus dem Familienarchiv von E. A.Kusnezowa. Das Foto zeigt Theresa Pahl mit ihrem Enkelkind Elena)

 

Einige der Gehwege waren im schlechten Zustand, so dass man durchtreten konnte. Nach starkem Regen, wusste die Frau des Pastors zu berichten: " Kolinka (Nikolaus) da war ein Pfützchen im ganzen Dorf und Du hast's gefunden".

Die Grundstücke der Kolonisten lagen direkt angrenzend an die Wohnhäuser senkrecht zur Neva. Die Zufahrtswege waren unbefestigte Straßen, die meisten mit dem Namen der Besitzer bezeichnet, so die „Lohrer Straße“, „ Lankinenskaya Straße“, „Stroh Straße“, „Vogelgesang Straße“ etc. - nur zehn Straßen insgesamt. Auf beiden Seiten der Zufahrtwege liefen Entwässerungs-Gräben. In der Kolonie liefen vier Hauptgräben, die man als " ersten Graben", "zweiten Graben ", "dritten Graben und "vierten Graben bezeichnete." Über diese Gräben verlegt man Gehwegsbrücken.

Die meisten dieser Gräben wurden nach dem Krieg zugeschüttet, einige blieben jedoch bis zum 20. Jahrhundert bestehen.

Um in die "Stadt" d.h. nach St. Petersburg zu kommen, benötigte man mit dem Pferdefuhrwerk ca. 4 Stunden im Sommer. Man musste die Neva mittels Fährpram zur linken Seite überqueren.

Die größten Fährprams konnten 6 Pferdegespanne tragen. Fährvorgänge konneten kritisch werden, wenn die Pferde sich unruhig verhielten. Es wurde erinnert, dass Gespanne vom Fährpram gerutscht sind. Bedingt durch die starke Strömung der Neva wurde der Fährpram selbst von einem kleinen, kohlebefeuerten russischen Schlepper zum jeweils anderen Ufer gezogen. Für die Benutzung des Fährprams mußte eine kleine Gebühr bezahlt werden.

 

 Fhrpram an der Neva

 Abb.: Fährpram an der Neva (Foto: Internet Bendler)

 

Im Sommer konnte mit einem Motorboot, dem sogenannten "Uhr - Maschin" in die Stadt nach St. Petersburg gefahren werden. Den Namen bekam das Boot im Volksmund aufgrund seiner Pünktlichkeit 7:00, 8:00, 9:00 Uhr am Morgen und 17:00, 18:00, 19:00 Uhr am Abend. An- und Ablegestelle waren die jeweiligen Uferstirnseiten an der Neva beim Gut der Familien Rost- und Strehling.

Im Winter wurden auf der entsprechend zugefrorenen Neva Schlittengespanne benutzt und auf der südlichen (linken ) Uferseite des Flusses in Richtung St. Petersburg gefahren.

Die Bahn fuhr auch auf der linken Uferseite der Neva, die Haltestation war bei Kolpino und gleichzeitig Haltepunkt der Bahnlinie St. Petersburg - Moskau.

Owzyno gegenüber lag die russische Stadt Izhora, siehe nächste Abbildung.

  

 Blick Owzyno nach Ust Izhora

    Abb.: Blick von Owzyno über die Neva in Richtung Ust-Izhora (Foto E. Karner)

 

Alle Häuser in Owzyno wurden im Holzblockbau erstellt, ausgenommen die der russischen Gutsbesitzer, die waren Stein auf Stein gebaut. Als Holz wurden Fichtenstämme benutzt.

Die Häuser im Holzblockbau waren auf der Innenseite behauen und bildeten eine glatte Fläche, die entweder gestrichen oder tapeziert wurde.

Die neueren Häuser hatten bearbeitete Baumstämme die keinen Vorsprungs an den Ecken hatten. Die Dächer wurden an beiden Giebel belüftet und eingedeckt mit Fichtenholzschindeln. Das Dachdecken wurde von russischen Dachdeckern ausgeführt, die dafür ausgesuchte Bäume an den Feldrändern nutzten. Die Herstellung der Schindeln erfolgte direkt vor dem einzudeckenden Haus.

Viele der Häuser waren eingeschossig mit Kellerausbau. Die Keller wurden durch Holzroste mit Außenluft belüftet, welche im Winter zugestopft wurden. Die Keller wurden für die Vorratshaltung von Hackfrüchten und anderen konservierbaren Nahrungsmitteln genutzt.

Das Dachgeschoss der Häuser war teilweise oder im ganzen ausgebaut. Es diente auch zur Vorratshaltung oder auch als Schlafstelle der Kinder in den Sommermonaten. Einige reichere deutsche Bauern hatten zweistöckige Häuser.

  

 russisches Haus im Blockhausstil

     Abb.: russisches Haus im Blockhausstil (Foto: Internet)

 

2 stckiges russisches Holzblockhaus 

Abb.: 2-stöckiges russisches Holzblockhaus (Foto: Internet)

 

Einige der ärmeren Bauern teilten sich auch ein einstöckiges Haus mit der Verwandtschaft, dabei bewohnte jede Partei eine "Ecke" des Hauses.

Generell bestand ein Haus aus 4 Räumen. Die "gute Stube" (mundartlich : gut Schtub) lag nach vorn zur Straße bzw. zur Neva. Ein Schlafraum (manchmal auch zwei), eine Küche und ein Raum in dem sich meist alle versammelten komplettierten die Räumlichkeiten. Letzterer diente auch als Hauptzugang zum Haus, er war an der Seite des Hauses gelegen. Dieser Zugang war meist schmaler ausgeführt und schmutzig, da man sich dort das Schuhzeug anzog und reinigte.

Einige Häuser hatten auch eine Sommerküche, die außerhalb des Haus gelegen war. Die Häuser wurden generell mit Petroleumlampen beleuchtet, die entweder von der Decke hingen oder in kleinerer Form auch an den Seitenwänden angebracht waren.

Im hinteren Teil des Hauses war ein Abstellraum, der die bäuerlichen Arbeitsgeräte , Wagen und Schlitten aufnahm sowie der Viehstall.

Abgesetzt vom Haus, auch aus Brandschutzgründen, war der Heu- und Getreideschuppen gelegen. Im Getreideschuppen wurden nach der Getreideernte ("Schnitternt") im Juli die Getreidegarben zwischengelagert, bis im Herbst die Dreschmaschine ins Dorf kam und von Haus zu Haus zog. Die Dreschmaschine wurde von einem Pferd angetrieben, welches der Bauer oder die Nachbarn beizustellen hatten. Die Kolonisten pflegten zu sagen:

"Da ist doch der Göpelbetrieb ein Fortschritt: Ein Pferd läuft den lieben langen Tag im Kreise herum, und ein Junge trabt hinter dem langen Hebebalken mit der Peitsche nach. Arme Tiere!"

Ein Prinzipbild des Göpelbetriebes und ein reales Foto dieser Technik, zeigen die nächsten beiden Abbildungen.

Da meist alle Bauern eines Dorfes auf die Hilfe anderer angewiesen waren, musste jeder auch in der gleichen Weise bereit sein, den anderen zu helfen. Das Prinzip der Nachbarschaftshilfe war weit verbreitet.

  

 Dreschmaschine nach dem Gpelprinzip Abb.: Dreschmaschine nach dem Göpelprinzip (Internet:Google Bilder)

  

 

 Typischer Kolonisten Innenhof mit GpelmechanikAbb.: Typischer Kolonisten Innenhof mit Göpelmechanik 1920 (Foto W. Grossmann, aus den Beständen des
Bundesarchivs, Deutschland. Bild 137-005974 )

 

Im hinteren Teil des Kolonistenhauses befand sich ein Kartoffel- und ein Eiskeller.

Im Eiskeller wurden im Winter Eisschollen aus der Neva auf Stroh aufgestapelt, um dort im Sommer leicht verderbliche Nahrungsmittel zu lagern.

Die meisten Bauern betrieben den Kartoffelanbau als gewerbliche Einnahmequelle. Es wurden aber auch Roggen, Gerste und Rüben sowie Hafer für die Pferde angebaut und Heu für die Kühe gemacht.

 

Das Vieh bestand normaler Weise aus 4 Schweinen, 3 Schafen, 1 Kuh, 1 Mast-ochsen oder einer Färse als Fleischlieferant.

Geschlachtet wurde im Herbst von einem Dorfbewohner, der dieses als Nebenerwerb machte.

 

Während der Vegetationsperiode wurden die Kühe und Schafe am Morgen vom Dorfhirten auf die Dorfweide getrieben und abends zu den Besitzern zurückgebracht, wobei das Vieh schon genau wusste, wo und in welchen Stall es abbiegen musste. Das Rindvieh wurden zu Hause morgens und abends gemolken, die älteren Töchter taten dies auch mittags auf der Dorfweide.

 

Fast alle Dorfbewohner hatten Hühner, einige auch Enten und Gänse sowie 2 Pferde während der Sommermonate und 1 Pferd während des Winters. Das zweite Pferd für den Sommer wurde in St. Petersburg gekauft oder geliehen.

 

Alle Bauern hatten einen großen Gemüsegarten, die Anbaupflanzen wurden auf Hochbeeten gezogen. Der Garten befand sich meist in der Nähe des Hauses. Das anbaufähige Land, abhängig von den Erbaufteilungen hatte eine Länge von ca. 3 Werst ( 3,2 km). Dieses Land beinhaltete Wiesen und Waldflächen ganz im Hintergrund des Landes.

 

Auf diesen Flächen wuchsen auch Pilze und Beeren. Pilze wurden getrocknet oder mit Salz in hölzernen Gefäßen aufbewahrt, auch die heute noch lebenden Nachkommen der Kolonisten erzählten davon.

Beeren wurden zu Marmelade oder Gelee verarbeitet bzw. frisch gegessen.

 

In den Gräben in Richtung Neva wurden Fischreusen gesetzt, um dem Hecht nachzustellen.

 

Trinkwasser wurde im Tauchverfahren aus der Neva entnommen. Dabei wurde ein Holzfass auf 2 Rädern in die Neva getaucht und von einem Pferd wieder auf die Uferböschung gezogen, siehe nachfolgendes Bild

 

 Trinkwasser Karren Abb.: Trinkwasser-Karren (Foto Google Bilder)

 

Diese Art der Trinkwasserbereitstellung war unfallträchtig und führte nach einem tödlichen Unfall dazu, dass das Verfahren von Jacob Fink geändert wurde. Er baute ein Holzfass auf 4 Rädern.

Bedingt durch die hohe Uferböschung entlang der Neva waren die meisten Zugänge zur Frischwasserbereitstellung an wenigen flachen Fluss- bzw. Bachzuflüssen der Neva gelegen.

Dieses bedingte aber auch tödliche Gefahren durch Wasserverschmutzungen wie Ruhr, Typhus, Diarrhoe, Pest und Cholera. Diese Krankheiten rafften viele Erwachsene und insbesondere Kinder hin, wie dies nachweislich in den ev. deutschen Kirchenbüchern von Neu-Saratowka festgehalten wurde.

                                                                                             

 

 

Mahlzeiten während der Woche

 

- Frühstück -

Es gab Bratkartoffeln mit Eiern und Frühstücksspeck, welcher in Würfeln in die Bratkartoffeln gegeben wurde. Eier gab es sowie die Hühner legereif und jahreszeitlich bedingt am Eierlegen waren. Kaffee wurde aus gerösteter Gerste und der Zichoriewurzel aus dem eigenen Garten hergestellt.

Dafür wurden die Grundsubstanzen gesäubert, getrocknet, geröstet und gemahlen. Der heisse "Kaffee" oder Tee wurde aus einer Tasse in eine gewölbte Untertasse gekippt und davon runtergeschlürft. Wenn vorhanden, nahm man ein Stück Zucker und tauchte dieses in die Untertasse, so wie es in der Abb. aus dem Internet zu sehen ist.

  

 Kaffeetrinken

  Abb.: Kaffeetrinken (Foto: Internet Google Bilder)

 

Zum Kaffee wurde selbstgebackenes Roggenbrot mit Schmalzaufstrich gegessen. Hausgemachte Butter wurde nur an Feiertagen gereicht. Überschüssige Milch wurde von Frauen, die täglich durchs Dorf kamen, gesammelt und aufgekauft.

 

- Mittagessen -

Mittags wurde eine Suppe mit Fleischeinlage gegessen. Um die Suppe klar zu machen, wurden Zwiebeln halbiert und auf der Herdplatte angebräunt, dann der Suppe beigefügt. Zugemengt wurden kleingeschnittene Kartoffeln und Knollensellerie. Die Suppe wurde mit einem hölzernen Löffel aus tiefen Tellern gegessen. Im Sommer gab es frische grüne Bohnen, Kohlrabi oder weiße Rüben. Außerdem wurde Salat, Gurken mit Zwiebeln und saurer Sahne gereicht.

 

- Abendbrot -

Zum Abendbrot gab es gekochte Kartoffeln, die einfach auf das Tischtuch gelegt wurden, so dass jeder am Tisch sitzende darauf zugreifen konnte. Jeder pellte seine eigenen Kartoffeln ab. Mit der gepellten Kartoffel wurde dann aus einer gemeinsamen Pfanne das Schinkenfett und klein geschnittene Schinkenwürfel gefischt. Beliebtes Ziel der Kinder war es, das größte Schinkenstück aus der Pfanne zu fischen. Sehr oft gab es auch gesalzene Heringe. Ebenso kam Milch und Roggenbrot auf den Tisch. Jeder hatte sein eigenes Besteck, Tasse, Untertasse und Teller zum Essen.

Üppiger fiel das Abendbrot bei Besuch oder an Festtagen aus. Für diejenigen die auf dem Feld arbeiteten wurde im Sommer um 15:30 Uhr Kaffee, belegte Brote oder "Pirogi" gebracht.

(Piroggen: wurden aus Hefeteig gemacht, welcher ausgerollt und auf eine flache Pfanne gelegt wurde. Darauf wurden dann entweder gedünsteter Weißkohl , Schweine- oder Rinderhackfleisch oder auch Sardinen aufgelegt. Bedeckt wurde das Ganze von oben mit einer weiteren Schicht des Hefeteigs. Die Pfanne wurde dann in den Ofen geschoben.)

Getragen wurden die Piroggen von den Frauen in ihren weiten Ärmelumschlägen der Blusen. Flaschen und weitere Nahrungsmittel kamen dann in eine Tuch, welches über die Schulter geschlungen wurde. Meist wurden die Kinder zum Feld geschickt, um die dort Arbeitenden zu versorgen. Während der Kartoffelpflanzzeit wurden bei frühem Tagesanbruch nur ein leichtes Frühstück eingenommen. Ein zweites Frühstück wurde um 09:00 Uhr zum Feld gebracht.

Das Mittagessen wurde immer im Hause eingenommen.

 

- Sonntagessen -

An diesem Tage wurde normalerweise Hühnersuppe mit Nudel oder gefüllte Nudeln gegessen. (Gefüllte Nudeln: Nudelteig, ausgerollt auf Nudelstärke und mit einer Füllung aus Hackfleisch, Zwiebeln und Gewürzen versehen. Bedeckt wurde alles mit einer Lage Nudelteig und ausgestochen mit einer Tasse und kurz in einer Brühe gekocht. Die Brühe wurde mit Hühnerklein hergestellt. Das Hühnchen selbst wurde im Ofen gebacken).

Gereicht wurden Stampf- oder Bratkartoffeln, Kohlrabi oder weißer Rübe, das gebratene Huhn und Salat nach Jahreszeit.

Zum Nachtisch gab es "Klukwa Kisel" Preiselbeerkompott mit geschlagener Sahne. Nachmittags spielten die Jüngeren auf der Straße, dabei wurden geröstete Sonnenblumenkerne gegessen, die von einer russischen Frau gekauft wurden.

Man hatte die Wahl entweder zu einem großen Glas (10 Kopeken) oder einem kleinen Glass ( 5 Kopeken) voller Sonnenblumenkerne. Süßigkeiten hatte die russische Frau auch dabei. Ein großes Stück in bunten Einwickelpapier kostete 1 Kopeke. Das Einwickelpapier wurde von den Kindern gesammelt und für andere Spiele genutzt.

 

Feiertag

Wurde meist aufwendiger gefeiert. Die jüngeren Mädchen wurden im Dorf losgeschickt, um Verwandte einzuladen. Da die gesamten Dorfeinwohner sich genau kannten bzw. miteinander verwandt waren, wurden auch die Verwandschaften enger gepflegt. Bei jedem Halt der Mädchen wurden ihnen Süßigkeiten oder Plätzchen angeboten, welche sie in einem Taschentuch sammelten. Zu Hause angekommen waren die Taschentücher meist prall gefüllt.

 

Festivitäten

Folgende Festivitäten wurden normalerweise von den Dorfbewohnern gefeiert:

 

Neujahr

wurde gewöhnlich einen Tag lang gefeiert. Die über 18 - jährigen und ältere Junggesellen begrüßten das Neue Jahr an der Pforte draußen mit der Abgabe von Schüssen. Jemand brachte ein lebendes Huhn mit, dass bei einem anderen geschlachtet, gesäubert, gekocht und gegessen wurde.

 

Ostern

wurde über 4 Tage lang gefeiert, mit abnehmender Tendenz der Festlichkeiten, Qualität und Anzahl der aufgetragenen Speisen.

 

Pfingsten

wurde über 3 Tage lang gefeiert, mit den Gebräuchen der anderen Feiertage. Zusätzlich wurden Birkenäste im Wald geschlagen und im Vordergarten bis zur Straße hin aufgestellt, die dann eine Laubengang bildeten.

 

Totensonntag

Da der Hauptfriedhof in Neu-Saratowka lag und der Friedhof in Owzyno erst später hinzukam, wurden die Hauptgottesdienste in Neu-Saratowka abgehalten. Jeder säuberte und brachte das Grab der Verwandten in Ordnung. Die Gräber wurden mit Blumen geschmückt, das ganze Dorf nahm Anteil und es spielte eine Musikkapelle.

   

 Alter Friedhof in Owzyno

 Abb.: Alter Friedhof in Owzyno (Foto E. Karner)

 

Buß- und Bettag

Dieser wurde gewöhnlich einen Tag lang gefeiert.

 

Erntedankfest

Das Erntedankfest wurde am ersten Sonntag im Oktober gefeiert und dauerte 4 bis 7 Tage lang.

Innerhalb dieser Zeit gab es an den beiden ersten Tagen Gottesdienste in der Dorfkirche, die vom Kantor der Kirche abgehalten wurde. Dieser war als nicht Ordinierter an den anderen Festtagen auch in die Feierlichkeiten eingebunden. Am zweiten Tag des Erntedankfestes kam der evangl. Pastor aus Neu-Saratowka um einen Gottesdienst abzuhalten. Die Pastoren in Neu-Saratowka sind auf dieser Webseite unter „Pastoren zu Saratowka“ aufgeführt. Pastor Paul Reichert, der auch die evangelische Gemeinde in Owzyno betreute, wurde mit seinem Sohn Bruno am 3.1.1937 von der russischen Geheimpolizei(NKWD) erschossen. Beide wurden 1968 rehabilitiert.

 

Weihnachten

Das Weihnachtsfest wurde 4 Tage lang gefeiert. Während dieser Zeit wurde Schweinebraten mit roh geschälten und gebratenen Kartoffeln sowie eine gebratene Ganz oder Ente gereicht. Dazu wurde Preiselbeerkompott, hausgeräucherter Schinken, hausgemachte Blut- und Leberwurst, Schweinefleichsülze und weitere aufbereitete Teile des Schweines gereicht. Selbstverständlich gab es Mohnkuchen, Gekauftes sowie hausgemachtes weißes Brot, Butter und "echten" Kaffee.

Die Kolonisten verstanden es auch, selbstgemachten Wein und "Bärenfang" herzustellen.

 

Hochzeit/Trauung

Eine Hochzeitsfeier involvierte mindestens mehrere Familien, durch die engen Verwandtschaften meist aber das ganze Dorf. Die meisten der älteren Jungen (17 Jahre und älter) brachten Bänke und Tische für das Hochzeitshaus zusammen. Es wurde erinnert, dass die älteren Mädchen im Dorf Milch sammeln gingen. Die Mädchen kamen auch zusammen um Nudeln zu machen, andere um Hühnchen zu säubern und zu zerteilen. Wieder andere gingen im Dorf herum, um genug Geschirr, Pötte und Pfannen sowie Kochutensilien zu sammeln. Bei jedem Halt im Dorfe wurde Schnaps ausgegeben und meist auch nicht abgelehnt. Manche hatten auch die glorreiche Idee einiges vom zusammen gesammelten Geschirr umherzuschmeißen, bis sie dann von den Erwachsenen zurechtgewiesen wurden.

Zwei verheiratete Männer, einer aus jeder Hochzeitsfamilie und das beste Ausgehzeug tragend, zogen von Haus zu Haus um die Hochzeit bekanntzumachen und um einzuladen. Beide trugen ein langes weißes Band, dass an der verknoteten Spitze mit Blumen geschmückt war. Dieses dauerte manchmal zwei Tage lang. Die Hochzeit wurde von den beiden immer mit einem kleinen Gedicht bekanntgegeben, immer gefolgt von der Einnahme eines Schnapses der gereicht und nie abgelehnt wurde. Nicht selten fand man die beiden Hochzeitsverkünder irgendwo am Wegesrand im ziemlich betrunkenen Zustand. Mit der Hilfe Anderer im Dorf wurden die beiden dann nach Haus gebracht (gekarrt).

Nach der kirchlichen Hochzeitszermonie marschierte die ganze Hochzeitsgesellschaft zum hochzeitenden Hause.

Die Feier begann mit einem ausgiebigem Hochzeitsessen, gefolgt von Tanz, Kaffe und Kuchen, weiteren Tanzeinlagen und dann bei Tagesanbruch eine leichte Morgenmahlzeit. Jemehr getrunken wurde, je mehr wurde gesungen u.a.

„ Auf der grünen Wiese

hab ich sie gefragt,

ob sie mich mal liesse,

„ja“ hat sie gesagt“

die Männer und Jugendlichen stimmten in ein lautes „ja“ ein, die Mädchen und Frauen in ein lautes „nein“.

Heftig auf Töpfe und Pfannen schlagend wurde das Hochzeitspaar dann meistens von allen Angehörigen zum Haus geleitet.

 

Geburtstag

dieser wurde nicht gefeiert.

 

Christi Himmelfahrt

dieser kirchliche Feiertag wurde gefeiert.

 

Besonderheiten bei der Schulausbildung und Kirchenbesuche

Vor der Oktoberrevolution im Herbst 1917 war der Schulbesuch kostenpflichtig. Ohne Schulgeld gab es keinen Schulunterricht. Einige Kinder bemittelter Dorfbewohner besuchten sogar weiterführende Schulen in St. Petersburg.

Nach der kommunistische Machtübernahme konnten alle Kinder ohne Schulgeld am Schulunterricht teilnehmen. Die Qualität des Unterrichtes soll aber mit dem vorherigen nicht vergleichbar gewesen sein.

Kinder begannen den Schulunterricht mit 6 Jahren und beendeten diesen im Alter von 13 oder 14 Jahren. Wenn befunden wurde, dass genug gelernt worden war , beendeten einige Schüler den Unterricht auch schon vorher. Die Schule begann im Oktober und dauerte bis in den Mai des nächsten Jahres. Von Mai bis Oktober arbeiteten die Kinder zu Hause oder auf dem Feld der Eltern. Schulunterricht war von 09:00 bis 11:30 Uhr vormittags, dann folgte die Mittagspause. Kinder die in der Nähe der Schule wohnten gingen zum Mittagsessen nach Hause. Kinder die am Dorfrand wohnten brachten ihr Mittagessen mit in die Schule. Nachmittags dauerte der Unterricht von 13:00 bis 15:00 Uhr. Die Dorfschule in Owzyno lag auf dem Gutsgelände der Familie Strehling und war in einem der dortigen Gebäude in einem größeren Raum untergebracht.

Schulkinder aller Altersstufen wurden in diesem Raum unterrichtet. Unterrichtet wurden Lesen, Schreiben und Rechnen. Der Unterricht wurde von einem Lehrer und einer Lehrerin gehalten. Von den Lehrern wurde erinnert, dass dieser die Kinder über Stunden einschloss, um seine Kaninchen zu versorgen, während die Lehrerin ihre Aufgaben ernster nahm.

Alle Schulkinder nahmen am Bibelunterricht teil.

 

Kirche

Die Konfession in Owzyno war protestantisch, lutherisch geprägt und die einzige Konfession im Dorf. Meist jeder Dorfbewohner ging am Sonntag und an Feiertagen in die Kirche. Kinder unter 4 Jahren wurden nicht mit in die Kirche gebracht. Familienmitglieder saßen in der Kirche nicht zusammen, sondern saßen getrennt nach Alter und Geschlecht.

Alle Kinder saßen vorn in der Nähe der Kanzel. Männer setzten sich auf die rechte Seite, Frauen auf die linke Seite des Kirchenschiffes. Die älteren Kirchenbesucher nahmen im hinteren Teil der Kirche Platz.

Die Gottesdienste wurden am Sonntag vom Kantor der Kirche abgehalten, an besonderen Feier- und Kirchentagen wurde er unterstützt von einem Pastor aus Neu-Saratowka. Kindergottesdienst war Pflicht für Kinder von 5 bis 15 Jahren. Dieser wurde am Sonntagnachmittag vom Kantor in der Zeit von 13:00 bis 15:30 Uhr abgehalten.

Im Alter von 15 Jahren mussten die Kinder am Vorabend der Konfirmation vor der gesamten Gemeinde eine mündliche Prüfung ablegen. Am Tage der Konfirmation wurden die Kinder Mitglieder der Kirche und bekamen eine Urkunde ausgehändigt. Siehe auch die Abbildungen von Friedrich Ickert und Sophie Herrlemann.

Zur mündlichen Prüfung wurden die Mädchen in Schwarz gekleidet und trugen ein Kopftuch. Am Tag der Konfirmation trugen sie weiße Kleidung. Alle Konfirmanden bekamen ein Gesangbuch der Kirche. Das Gesangbuch wurde während des gesamten Lebens benutzt und immer mit zum Gottesdienst gebracht. Die Gemeinde bestimmte ein Kind, welches die Kerzen vor dem Gottesdienst anzuzünden hatte.

Die Orgel wurde entweder von Elisabeth Scheff (Schwester von Catharina Fink) oder Elisabeth Fink gespielt, welche auch den Kirchenkinderchor leitete.

   Abbildungen von Konfirmationsurkunden 1

 

Abbildungen von Konfirmationsurkunden 2

 Abbildungen von Konfirmationsurkunden (Urkunden im Familienbesitz Ickert)

 

Weitere Entwicklung von Owzyno

Zu Anfang des 19. Jahrhunderts wurde den Petersburger Siedlern ein begrenztes Recht auf Parzellierung der Landstücke eingeräumt, sodass mit der Zeit alle Güter in „Halbhöfe“ zerfielen, in der Folge wurden sie allerdings nicht mehr weiter aufgespalten. Der Familienteil wurde dem ältesten Bruder weitervererbt, der somit „Hausherr“ wurde. Die übrigen Brüder gerieten in die Schar der „Landlosen“.

Im Zuge der bürgerlichen Reformen 1860-1870, von denen auch die Kolonisten betroffen wurden, erhielten die Petersburger Siedler die Möglichkeit, die von ihnen bewirtschafteten Ländereien aufzukaufen.

Die landwirtschaftliche Produktion richtete sich nach den Bedürfnissen

der Sankt-Petersburger Bürger. Die Hauptanbauarten in den Kolonien waren Getreide, Gemüse und Kartoffeln. In den Ernteerträgen wurde von den getreideanbauenden Kolonisten nennenswerte Ergebnisse erreicht.

Die Wirtschaftsgrundlage der Kolonien bildete ein hochentwickelter Kartoffelanbau, in dessen Verbreitung die Kolonisten in der Region eine führende Rolle einnahmen. Bereits am Ende des 18. Jahrhunderts waren die Einkünfte aus dem Kartoffelverkauf die Haupteinnahmequelle der Kolonisten.

Nicht landwirtschaftliche Betätigungen spielten im wirtschaftlichen Leben der meisten deutschen Kolonisten eine unterstützende Rolle. Es entwickelte sich ebenfalls eine Milchproduktion.

In den Jahren des ersten Weltkrieges wurden von der russischen Regierung Maßnahmen ausgearbeitet die zur Liquidierung des deutschen Bodenbesitzes führten.

Im Petersburger Gouvernement betrafen diese Maßnahmen vorerst hauptsächlich Großgrundbesitzer aus dem in der Hauptstadt lebenden deutschen Adel und nur zu einem geringen Teil Kolonisten.

In der Zeit bis zur Revolution bewahrten die Petersburger Kolonien die für alle deutschen Siedlungen typischen heimischen Eigentümlichkeiten, pflegten und erhielten ihre Traditionen und ihre Kultur. Den größten Anteil unter den Siedlern stellten die Protestanten.

Die russischen Reformen von 1870 -1880 führten zu Änderungen in der Rechtslage der Siedler, sie wurden einer Reihe von Privilegien enthoben und in ihren Rechten den russischen Bauern gleichgestellt. Sie erhielten den Status „Siedler-Landbesitzer“.

1874 wurden die Siedlerschulen der Bezirksverwaltung unterstellt, 1891 dem Ministerium für Volksbildung.

 

Die sowjetische Periode in der Geschichte der deutschen Siedlungen

Nach der russischen Revolution von 1917 kam es im wirtschaftlichen und kulturellen Leben der deutschen Siedler zu grundlegenden negativen Veränderungen. Entsprechend der neuen Agrargesetzgebung wurde ein Teil der Ländereien, die vor der Revolution einem „Hausherrn“ (Familienoberhaupt) gehört hatten, landlosen Siedlern übergeben. In der Zeit des „kämpferischen Kommunismus“ wurden den deutschen Bauern Produktionssteuern auferlegt, die dreimal höher waren als die der übrigen Bauern und von den meisten nicht erbracht werden konnten.

Die Kolonien spielten eine wichtige Rolle in der Nahrungsmittelversorgung der hungernden Bevölkerung von Petrograd. Von Beginn der 1920er Jahre entwickelten sich in den Siedlungen kooperative Zusammenschlüsse. Unter den kooperativen Zusammenschlüssen in den einzelnen Siedlungen trat besonders der 1926 in Owzyno gegründete Kameradschaftsbund „Ochsenverein“ hervor. Seine Aufgabe bestand vor allem in der Zucht von Rinderherden der Cholmogorskaer Rasse,

Im Zuge der Kollektivierung wurden in den ehemaligen Kolonien Kolchosen eingerichtet, so die „M. Heltz“ - Kolchose in Owzyno.

Die Hauptausrichtung der Kolchosearbeiten lag in der Gemüse- und Milchproduktion. Viele von ihnen erreichten Mitte der 1930er Jahre bedeutende Produktionserfolge.

Gleichzeitig mit der Gründung der Kolchosen begannen in den Siedlungen aktive Maßnahmen zur Enteignung der wohlhabenden Bauern, die zum Teil nach Chibinogorsk und in Gebiete Kasachstans deportiert wurden.

Das kulturelle und geistliche Leben der deutschen Bauern wurde nach der Oktoberrevolution von 1917 massiv eingeschränkt. Die Anzahl der deutschen Gemeinden nahm ab: 1929 gab es noch vier in der Umgebung der Stadt Leningrad (in Neu-Saratowka und Strelna, Peterhof und Graschdanka).

Im gleichen Jahr 1929 waren noch 13 Grundschulen in den deutschen Siedlungen des Gebietes tätig.

Im täglichen Leben verständigte man sich in den Dialekten der Gegend, aus der die Kolonisten nach Russland eingewandert waren.

In den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts begann wie für das gesamte Volk der Sowjetunion auch für die Russlanddeutschen eine schwere Zeit. Es war eine Zeit der Enteignungen, Vertreibungen, Deportationen und Erschießungen. Diese Zeit ist als die Zeit des Stalinistischen Terrors in die Weltgeschichte eingegangen.

Menschen wurden willkürlich und ohne fairen Prozess zum Tode verurteilt oder nach Sibirien vertrieben.

Höherer Wohlstand brachte ihnen den Ruf der Kulaken. Kulaken (vom russischen Kulak: Faust) waren nach der Oktoberrevolution Menschen, die über einen großen Hof mit Anbau und eine größere Anzahl Vieh verfügten und auch noch Lohnarbeiter beschäftigten. Die Enteignungen waren für die Kommunisten wichtig, um die Kolchosen und Sowchosen in der UdSSR einzuführen.

Da die deutschen Siedler gerade über solche Höfe und aufgrund ihres Wohlstands auch über Arbeiter verfügten, waren sie größtenteils von Enteignungen betroffen, wobei es die durchführenden Beamten schwer hatten in den deutschen Dörfern Familien zu finden, die über größeren Reichtum als andere im gleichen Dorf verfügten, da alle annähernd gleich wohlhabend waren.

Hatte die Familie mehr Besitz oder wehrte man sich gegen die Kollektivierung des Eigentums, kam es zu Erschießungen des Familienoberhaupts und der trotzdem folgenden Enteignung der machtlosen Familie. Deportationen nach Sibirien oder die Internierung in Arbeitslagern, sogenannten GULAGs, waren keine Ausnahme.

Viele überlebten diese Maßnahmen nicht oder starben nach kurzer Zeit an den Folgen, wie schweren Krankheiten, da viele die ungewohnte sibirische Kälte nicht ertrugen.

Im Jahr 1937 nahm das Ausmaß der stalinistischen Säuberungen große Dimensionen ein.

Schon ab 1935 wurden in Moskau Eliten aus Militär, Wirtschaft und Politik in Schauprozessen verurteilt. Desweiteren gab es verschiedene weitere Gruppen, die unter dem staatlichen Terror zu leiden hatten: Intellektuelle, Kulaken und auch ethnische Gruppen wie Polen, Finnen , Deutsche und viele andere.

So erging am 25.Juli 1937 die Direktive 00439 des Volkskommissariats für Innere Angelegenheiten (NKWD19), nach der Repressivhandlungen gegen Deutsche, denen Spionage vorgeworfen wurde, erlaubt und durchzuführen waren.

Diese Direktive richtete sich eigentlich gegen deutsche Ingenieure, die in den sowjetischen Rüstungsbetrieben, im Bergbau und Eisenbahnwesen beschäftigt waren, aber auch gegen deutsche Kommunisten, die nach der Machtergreifung Hitlers 1933 in die Sowjetunion geflohen waren.

Betroffen waren davon jedoch auch Deutsche, die Staatsbürger der Sowjetunion waren, da auch ihnen Spionage für Nazi-Deutschland vorgeworfen wurde und so wurden diese zum Hauptfeind des sowjetischen Volkes erklärt.

In der zweiten Hälfte der 1930er Jahre wurden sowohl die gesellschaftlichen Zusammenschlüsse als auch die Zeitung verboten. Viele Mitarbeiter fielen Repressalien zum Opfer. Gemäß der Verordnung des Leningrader Komitees der kommunistischen Partei vom 5. Februar 1938 „Die nationalen Schulen und andere Kultur- und Bildungseinrichtungen“ mussten die deutschen Schulen ihre Tätigkeit einstellen.

Ende der 1930er Jahre wurden die Kirchen geschlossen, Geistliche wurden dabei Opfer von Repressalien und Erschießungen.

Zu dieser Zeit blühten die Unterdrückungsmaßnahmen gegen deutsche Bauern. Höhepunkt der Repressionen waren die Jahre des       „ Großen Terrors“(1937-38), siehe hierzu die Webseite http://deutsche-kolonien-spb.com/index.php/de/in-memoriam

Das nachfolgende Foto zeigt das Grabmal von Christian Fink, Sohn des Andreas Christian Fink und der Sophie geb. Dahlinger, geb. 1888 in der Owzyno-Kolonie. Erschossen am 12.11.1937 in Leningrad und seiner Frau Theresa, Tochter des Friedrich Bitsch, geb. 1894. Erschossen am 22.10.1938 in Leningrad.

 

Grabmal des erschossenen Ehepaares Fink 

 Abb.: Grabmal des erschossenen Ehepaares Christian und Theresa Fink

 

Am 30.August 1941 wurde in den deutschsprachigen Printmedien „Nachrichten“ und „Bolschewik“ der Erlass des Obersten Sowjets vom 28. August „ Über die Umsiedlung der Deutschen, die in den Wolga-Rayons leben“ veröffentlicht.

Dieser sah vor, in kürzester Zeit alle Deutschen aus der Wolgadeutschen Republik und später aus dem gesamten europäischen Teil der

Sowjetunion nach Sibirien zu deportieren, da ihnen Spionage und Kollaboration mit dem damaligen deutschen Reich unterstellt wurde.

Nach Bekanntgabe des Vorhabens der Umsiedlung hatten die Deutschen oftmals nur sehr wenig Zeit, sich für die Umsiedlung vorzubereiten.

Mit dem Beginn des 2. Weltkrieges (1941-1945) wurden die Vororte von Leningrad, in denen besonders die deutschen Kolonisten lebten, zur Arena erbitterter militärischer Auseinandersetzungen.

Viele Kolonien brannten im Zuge der Gefechte nieder oder wurden zerbombt, wie z.B. die von Kolpino, durch die eine Frontlinie verlief.

Vom 17. bis zum 21. März 1942 wurden gem. eines Regierungsentscheides der UdSSR vom 29. August 1941 die „Aussiedlung der deutschstämmigen und finnischstämmigen Bevölkerung aus den Leningrader Vororten vorgenommen.

26000 Deutsche aus dem Leningrader Gebiet, und zwar aus Graschdanka, Neu-Saratowka, Sredne Rogatka, Neu-Pargolowo, Neu-Alexandrowka und Kolpino wurden nach Sibirien deportiert, so nach Kansk, Jakutsk und Tjumen.

Mit der Entsiedlung und den kriegsbedingten Schäden im Dorf, hörte die Existenz des Dorfes Owzyno auf zu bestehen.

Ein Teil der deutschen Siedlungen im Raum St. Petersburg wie Luisino, Oranienbaum, Peterhof, Kipen, Snamenska, Alexandrina lagen in der von der deutschen Wehrmacht besetzten Zone.

Nach den Plänen der deutschen Führung unterlagen diese Deutschen als „Volksdeutsche“ der nordwestlichen Region der UdSSR einer Umsiedlung ins „Deutsche Reich“.

1942 wurden 500 Familien (2104 Personen) in den Bezirk von Lublin im besetzten polnischen Gebiet überführt, wo sie für landwirtschaftliche Arbeiten eingesetzt wurden. Zu diesen Familien gehörten u.a. auch die Kolonisten-Nachkommen der Familien Ickert und Fink, die zwangsverpflichtet wurden auf beschlagnahmten, polnischen Bauernhöfen zu arbeiteten, bevor sie dann kriegsbedingt 1944 in das „Deutsche Reich“ umgesiedelt wurden.

Ein anderer Teil der Siedler wurde im Frühjahr 1943 aus Leningrad-Land in den so genannten„ Reichskreis Wartegau “übersiedelt, ein zur „Germanisierung“ ausersehenes polnisches Gebiet mit seinem Zentrum in Lodz. 1945 wurden sie, wie die Mehrzahl der Russlanddeutschen, wieder in die UdSSR repatriiert und nach Sibirien und Kasachstan verschleppt. Sie arbeiteten dort in Arbeitsarmeen und lebten in Sondersiedlungen. Nach der Veröffentlichung der sowjetischen Erlässe von 1955 und von 1972 kehrte nur ein kleiner Teil der ehemaligen Siedler an seine früheren Orte zurück.

Zudem wurde keine der ehemaligen deutschen Kolonistensiedlungen wiederhergestellt.

Heute sind an den Stellen der ehemaligen deutschen Kolonie Owzyno nur Reste öffentlicher Gebäude, Produktionsstätten, wenige erhaltene alte Kolonistenhäuser und Reste des Siedlerfriedhofes erhalten, siehe hierzu auch die Webseite http://deutsche-kolonien-spb.com/index.php/de/photos

 

 MWei